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12 Editionen zum Entdecken · Zukunft, live und Vergangenheit
Zahlen, Heimatort und Eigenheiten
Big Ears macht das Zuhören zu einer Form, sich durch eine Stadt zu bewegen. Knoxville verschwindet nicht hinter den Zäunen eines abgeschlossenen Geländes, sondern bleibt auf den Wegen zwischen historischen Theatern, Kirchen, Galerien und Clubs sichtbar. An einem einzigen Nachmittag kann das Programm von zeitgenössischer Kammermusik zu freier Improvisation, aus den Appalachen stammenden Liedformen, elektronischem Klang und experimentellem Film führen. Das Festival behauptet nicht, dass all diese Ausdrucksformen zu einem einzigen Genre gehören. Es vertraut vielmehr darauf, dass ein neugieriges Publikum Beziehungen zwischen ihnen hört und dass selbst der Weg von einem Veranstaltungsort zum nächsten beeinflusst, wie die unmittelbar zuvor erlebte Musik verstanden wird.
Ashley Capps gründete Big Ears 2009, nachdem er über viele Jahre Konzerte von seiner Heimatstadt Knoxville aus organisiert und an der Entstehung von Bonnaroo mitgewirkt hatte. Das neue Projekt folgte jedoch nicht der Logik eines großen Campingfestivals. Die erste Ausgabe war überschaubar, fand überwiegend in Innenräumen statt und konzentrierte sich bewusst auf ungewöhnliche künstlerische Verbindungen. Philip Glass, Antony and the Johnsons, Jon Hassell, Pauline Oliveros, Fennesz, Matmos, The Necks, Michael Gira und Negativland gehörten zum Programm. Zeitgenössische Komposition, Ambient, Improvisation, Elektronik und experimenteller Rock wurden nicht voneinander getrennt, sondern durch vollständige Werke, seltene Kooperationen und an bestimmte Räume angepasste Aufführungen miteinander verbunden.
2010 wurde das Spektrum erweitert. Terry Riley trat im selben Festivalzusammenhang wie The xx, Joanna Newsom, Vampire Weekend, Dirty Projectors, Ben Frost, Tim Hecker und Liturgy auf. Bang on a Can All-Stars spielten eine Neuinterpretation von Brian Enos Music for Airports. Dadurch wurde deutlich, dass anspruchsvolle Programme und ein breiteres Indie-Publikum nicht zwangsläufig Gegensätze sein mussten. Wirtschaftlich und organisatorisch war das Festival dennoch noch nicht stabil. Zwischen 2011 und 2013 fand keine Ausgabe statt. Der Neustart 2014 begann mit stärkerer Unterstützung durch lokale Stiftungen, Spender und Kultureinrichtungen und führte in eine beständigere Phase. Aus einem unregelmäßigen regionalen Experiment wurde allmählich ein internationales Ziel für Künstler und Hörer, die sich nicht an feste Genregrenzen halten wollten.
Die Innenstadt von Knoxville entwickelte sich dabei zu einem Teil der künstlerischen Methode. Das Tennessee Theatre und das Bijou Theatre bieten historische Innenräume und technische Möglichkeiten für größere Produktionen. Kirchen und Kapellen verleihen Stimmen, Streichern, Drones und elektroakustischen Werken eine lange Resonanz, durch die die Architektur selbst hörbar wird. Clubs, Galerien, umgenutzte Industrieflächen und kleinere Säle bringen Publikum und improvisierende Musiker enger zusammen. Das Knoxville Museum of Art, The Mill & Mine, Jackson Terminal und The Emporium gehören zu einem Netzwerk, dessen genaue Form von Jahr zu Jahr wechselt. Wer sich darin bewegt, muss Prioritäten setzen, denn kleinere Räume können ihre Kapazität erreichen und verspätetes Erscheinen den Zugang verhindern.
Diese Unsicherheit ist kein nebensächliches Problem, sondern Bestandteil der Erfahrung. Big Ears bietet inzwischen Hunderte Konzerte, Filme, Gespräche, Workshops, literarische Veranstaltungen und Installationen, häufig gleichzeitig vom späten Vormittag bis in die Nacht. Ein sorgfältig geplanter Zeitplan kann schon am ersten Tag auseinanderfallen: Eine Aufführung dauert länger, der Weg zum nächsten Raum benötigt mehr Zeit, ein Gespräch lenkt die Aufmerksamkeit auf einen unbekannten Künstler oder eine Kirche ist bereits voll. Das Festival löst diese Überfülle nicht auf. Es verlangt die Einsicht, dass niemand eine vollständige Ausgabe erleben kann. Manche Besucher folgen einer Retrospektive von John Zorn, Philip Glass oder Laurie Anderson, andere verbinden Jazz, traditionelle Musik, Rock, Film und Arbeiten, für die ihnen zunächst jede passende Bezeichnung fehlt.
Charakteristisch sind Künstler, die zwischen Szenen vermitteln. Pauline Oliveros, Meredith Monk, Terry Riley, John Luther Adams, Steve Reich und Philip Glass haben experimentelle Komposition mit nachfolgenden Generationen verbunden. John Zorns Werk reicht von Kammermusik und Improvisation bis zu extremem Rock und jüdischen Traditionen. Rhiannon Giddens und Béla Fleck stellen amerikanische Roots-Musik in größere historische Zusammenhänge. Anthony Braxton, Wadada Leo Smith, Mary Halvorson, Bill Frisell, Kamasi Washington und Shabaka zeigen unterschiedliche Richtungen des zeitgenössischen Jazz. Daneben stehen Laurie Anderson, Spiritualized, Wilco, Sufjan Stevens, Matmos, William Basinski und internationale Künstler, deren Arbeit zwischen Ritual, Tanz, Installation und populärem Lied liegt.
Die Pandemie bedrohte ein Festivalmodell, das auf Reisen, Nähe und ständigem Wechsel zwischen Räumen beruht. Die Ausgabe im März 2020 wurde abgesagt, obwohl das Programm bereits weit entwickelt war. 2021 fand kein vollständiges Festival statt; kleinere Projekte überbrückten die Zeit bis zur Rückkehr im Jahr 2022. Danach wuchs das Angebot erneut. 2025 traten unter anderem Philip Glass Ensemble, ANOHNI and the Johnsons, Esperanza Spalding, Yo La Tengo, Sun Ra Arkestra, Arooj Aftab, Tortoise und Meshell Ndegeocello auf. 2026 verteilten sich mehr als 250 Veranstaltungen auf ungefähr 24 Orte. David Byrne, Robert Plant, Laurie Anderson, Flying Lotus und Pat Metheny gehörten zu den großen Namen, während John Zorn zwölf Werke aus fünf Jahrzehnten präsentierte.
Vom 1. bis 4. April 2027 wird Big Ears erneut stattfinden. Seine Bedeutung liegt jedoch nicht nur darin, dass es jedes Frühjahr zurückkehrt. Das Festival hat Knoxville zu einem Ort gemacht, an dem experimentelle Kunst weder als akademische Pflicht noch als Geheimsprache einer kleinen Fachgemeinschaft behandelt wird. Es fordert Aufmerksamkeit, Bewegung, Verzicht und die Bereitschaft, etwas Unbekanntem Zeit zu geben. Durch sein Wachstum kann das Wochenende überwältigend wirken, manchmal beinahe wie mehrere Festivals, die gleichzeitig dieselbe Stadt besetzen. Dennoch bleibt die zugrunde liegende Idee erkennbar: Offen zu hören bedeutet nicht, möglichst viel zu konsumieren, sondern zuzulassen, dass unterschiedliche Klänge, Räume und Publika einander verändern.
Zeitstrahl
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