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2 Editionen zum Entdecken · Zukunft, live und Vergangenheit
2024Besame Mucho 2024
Zahlen, Heimatort und Eigenheiten
Bésame Mucho beginnt mit einer Idee, deren Ausmaß erst beim Blick auf das vollständige Line-up sichtbar wird: Mehrere Jahrzehnte lateinamerikanischer Musik werden in einen einzigen Tag gepackt, sodass verschiedene Generationen auf demselben Gelände Teile ihrer eigenen Geschichte wiederfinden können. Vor einer Bühne singt das Publikum ein Norteño-Lied, das mit Familienfeiern verbunden ist, während an anderer Stelle Rock en Español aus den Achtzigern und Neunzigern erklingt. Wenige Minuten später führen Popgruppen zu Choreografien und Refrains zurück, die viele noch aus Jugendjahren kennen. Das Festival folgt keiner einzelnen aktuellen Strömung. Seine Identität entsteht aus der direkten Begegnung musikalischer Welten, die gewöhnlich nach Genre, Alter und Vermarktung getrennt werden.
Die Premiere fand 2022 in Los Angeles statt, obwohl die kreative Vorgeschichte mit Tropicália verbunden ist, einem früheren südkalifornischen Festival für Latin Rock, Cumbia, Soul und alternative Musik. Bésame Mucho veränderte Standort, Größe und emotionalen Schwerpunkt und zog auf die Flächen rund um das Dodger Stadium. Die erste Ausgabe brachte 58 Künstler zusammen und war innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Los Tigres del Norte, Caifanes, Café Tacvba, Juanes, Ramón Ayala, Sin Bandera, Julieta Venegas, Zoé, Fey, OV7, Banda El Recodo und Elvis Crespo bildeten nur einen Teil eines Programms, das zeigen wollte, wie vielfältig lateinamerikanische Gemeinschaften in den Vereinigten Staaten über Jahrzehnte, Grenzen und Familien hinweg Musik gehört hatten.
Das Format ist zugleich die größte Attraktion und die schwierigste Bedingung. Bésame Mucho komprimiert in ungefähr zwölf Stunden, was bei anderen Festivals ein ganzes Wochenende füllen würde. Vier Bühnen laufen beinahe ohne Pause, und viele Künstler erhalten kürzere Spielzeiten als bei einem regulären Konzert. Namen wie Rockero, Las Clásicas, ¿Te Gusta el Pop? und Beso markieren grobe Richtungen, ohne vollständig geschlossene Genres zu bilden. Besucher müssen entscheiden, ob sie an einer Bühne bleiben, um ihren Platz zu behalten, oder das Gelände immer wieder durchqueren. Der Wechsel von Rock zu Norteño, anschließend zu Pop und Cumbia kann sich wie eine Reise durch mehrere familiäre Musiksammlungen anfühlen, bedeutet jedoch zwangsläufig, andere Auftritte zu verpassen.
Die zweite Los-Angeles-Ausgabe im Jahr 2023 zeigte, dass das Konzept wachsen konnte, ohne seine generationenübergreifende Wirkung zu verlieren. Maná und Los Bukis führten ein Programm mit Gloria Trevi, Alejandro Fernández, Pepe Aguilar, Natalia Lafourcade, Café Tacvba, Caifanes, Los Ángeles Azules, Camila, Reik, Belinda und Paquita la del Barrio an. Die Tickets waren nach ungefähr siebzig Minuten vergriffen. Auf dem Gelände trafen Jugendliche in alten Bandshirts, Paare mit sicherem Textwissen, Freunde in Neunzigerjahre-Pop-Looks und ganze Familien aufeinander. Einige Auftritte wirkten wie klassische Konzerte, andere verwandelten sich in große gemeinschaftliche Gesänge, bei denen der Künstler weniger als alleiniger Mittelpunkt denn als Leiter einer bereits geteilten Erinnerung erschien.
Mit der Expansion nach Austin 2024 wechselte das Festival in eine völlig andere räumliche Umgebung. Circuit of the Americas liegt außerhalb des Stadtzentrums und bietet ein weitläufiges, offenes Gelände. Drehbare Bühnenplattformen ermöglichten es, mehr als achtzig Künstler mit kurzen Umbaupausen zu präsentieren. Los Tigres del Norte, Banda MS, Grupo Frontera, Caifanes, Café Tacvba, Molotov, Belanova, Alejandra Guzmán und Danna Paola prägten die erste texanische Ausgabe. 2025 brachten Peso Pluma und Carín León stärker gegenwärtige Formen mexikanischer Musik ein, während Ramón Ayala, Bronco, Hombres G, Magneto, Fey, Mónica Naranjo, Kabah und Los Tigres del Norte die historische Breite bewahrten. Dadurch blieb die Nostalgie wichtig, ohne das gesamte Festival in der Vergangenheit festzuhalten.
Der Besuch verlangt Planung und Ausdauer. Es gibt keinen Campingplatz und keinen zweiten Festivaltag, an dem sich verpasste Auftritte nachholen ließen. Jeder Weg zwischen den Bühnen kostet Zeit, ebenso Warteschlangen für Essen oder Getränke. Nach großen Konzerten bewegen sich Tausende Menschen gleichzeitig, und Entfernungen wirken am Abend wesentlich länger als am Mittag. In Los Angeles kann ein sonniger Dezembernachmittag in eine kalte Nacht übergehen; in Austin machen offene Flächen, Anreise, Wasser und gutes Schuhwerk einen erheblichen Unterschied. Die enorme Zahl der Künstler ist das wichtigste Verkaufsargument, aber auch der grundlegende Widerspruch: Das Publikum kauft gerade wegen der Fülle ein Ticket, obwohl niemand das gesamte Angebot vollständig erleben kann.
Die Absage der Los-Angeles-Ausgabe 2024 unterbrach eine Entwicklung, die bereits wie eine neue jährliche Tradition wirkte. Die Veranstalter nannten Umstände außerhalb ihrer Kontrolle, und obwohl Austin 2025 zurückkehrte, wurde für 2026 keine weitere Ausgabe angekündigt. Diese Unsicherheit ändert nichts an der kulturellen Wirkung der ersten Jahre. Bésame Mucho schuf einen Raum, in dem Musik über Migration, Familienerinnerung und spanischsprachige Populärkultur sprechen konnte, ohne lateinamerikanische Identität auf einen einzigen Klang zu reduzieren. In seinen stärksten Momenten war das Festival mehr als eine dichte Ansammlung berühmter Namen. Es war ein Ort, an dem romantische Ballade, Norteño-Klassiker, Rockhymne und Popsong zur selben Lebensgeschichte gehören durften.
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