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12 Editionen zum Entdecken · Zukunft, live und Vergangenheit
Zahlen, Heimatort und Eigenheiten
Manche Festivals werden mit dem Anspruch gegründet, sofort groß zu sein. Andere wachsen langsam in ihre Bedeutung hinein und verlieren dabei nie ganz den Charakter der kleinen Gemeinschaft, aus der sie entstanden sind. Paléo gehört zur zweiten Gruppe. Lange bevor auf dem Gelände große Bühnen, Restaurants, beleuchtete Wege und gewaltige Menschenmengen zu sehen waren, fand im April 1976 in der alten Gemeindehalle von Nyon ein dreitägiges Folkfestival statt. Rund 1.800 Menschen kamen, Malicorne war der wichtigste Name im Programm, und die Begeisterung zeigte den Veranstaltern, dass diese Idee schon damals zu groß für einen geschlossenen Saal war.
1977 zog das Festival auf eine Wiese in Colovray direkt am Genfersee. Zwischen Musik, Ständen und Bars entstand eine Atmosphäre, die noch deutlich vom Folk und vom Geist der Zeit nach Woodstock geprägt war. Doch musikalisch blieb Paléo nie in diesem Rahmen. Blues, Salsa, afrikanische und brasilianische Rhythmen, französisches Chanson und Rock kamen früh hinzu. Spätestens als Mitte der Achtziger The Cure, Téléphone, B.B. King und Toots and the Maytals in Nyon auftraten, war klar, dass der Begriff Folk die tatsächliche Breite des Festivals nicht mehr erklären konnte.
Das Wachstum brachte allerdings Unsicherheit mit sich. Das Gelände in Colovray war über Jahre durch Immobilienpläne, steigende Mieten und juristische Auseinandersetzungen bedroht. Während das Publikum immer größer wurde, musste die Organisation von Sommer zu Sommer um die Zukunft des Standorts kämpfen. 1990 wechselte Paléo schließlich auf die Plaine de l’Asse nördlich von Nyon. Die offene Ebene bot deutlich mehr Raum, hatte zunächst jedoch kaum eine eigene Identität. Bühnen, Wege, Treffpunkte und auffällige Bauten machten daraus nach und nach jene temporäre Stadt, die heute eng mit dem Namen Paléo verbunden ist.
Ein Besuch fühlt sich inzwischen weniger wie ein einzelnes Konzert als wie das Eintauchen in eine Stadt an, die sechs Tage und sechs Nächte existiert. Auf der Grande Scène stehen die großen internationalen Produktionen, doch der eigentliche Rhythmus entsteht zwischen den Spielorten. Rock trifft auf französischsprachigen Rap, elektronische Musik reicht bis tief in die Nacht, Schweizer Nachwuchs spielt nur wenige Minuten von einem etablierten Popstar entfernt, und traditionelle Musik aus anderen Regionen taucht mitten in einem modernen Festivalprogramm auf. Das Problem besteht nicht darin, etwas Interessantes zu finden, sondern darin, sich zwischen mehreren Möglichkeiten zu entscheiden.
Auch außerhalb der Konzerte besitzt das Gelände eine eigene Dramaturgie. La Ruche ist dem Zirkus und der Straßenkunst gewidmet. Belleville bildet einen Schwerpunkt für elektronische Musik. Im Village du Monde steht jedes Jahr eine andere Weltregion im Mittelpunkt, begleitet von eigens gestalteter Architektur, Gastronomie, Handwerk und Konzerten. Das kostenlos zugängliche Quartier Libre verbindet Festival und Campingplatz mit Fahrgeschäften, Bars, Essensständen und Unterhaltung. Auf dem Campingplatz wiederum entwickelt sich ein zweites Festivalleben mit Zelten, gemeinsamen Treffpunkten, späten Frühstücken und Gesprächen nach dem letzten Auftritt.
Besonders prägend ist die Mischung der Generationen. Menschen, die Paléo noch am See erlebt haben, kommen heute mit ihren Kindern oder Enkeln zurück. Neben ihnen stehen Jugendliche, die zum ersten Mal ein großes Festival besuchen, eingefleischte Rockfans, Pop-Publikum, Clubgänger und Anhänger des französischen Chansons. Dadurch bleibt die Vergangenheit sichtbar, ohne das Programm zu bestimmen. Paléo kann seine eigene Geschichte würdigen und zugleich Künstler präsentieren, die für einen Teil des Publikums noch vollkommen unbekannt sind.
Die Ausgabe 2026 findet vom 21. bis 26. Juli statt. Zu den wichtigsten Namen gehören Twenty One Pilots, Lorde, The Cure, Gorillaz, Orelsan, Katy Perry, Gims und Timmy Trumpet. Das Village du Monde widmet sich Skandinavien und den nordischen Ländern, deren Musik, Traditionen, Küche und Landschaftsbilder in die Gestaltung einfließen. Das Programm zeigt die besondere Balance des Festivals: internationale Stars bekommen große Bühnen, doch Entdeckungen, regionale Künstler und weniger vertraute Klangwelten bleiben ein zentraler Bestandteil.
Die Bedeutung von Paléo lässt sich deshalb nicht allein an Besucherzahlen oder berühmten Namen messen. Sie entsteht aus der Verbindung von Musik, Ort und einer großen Gemeinschaft von Freiwilligen, die das Festival jeden Sommer neu aufbaut. Bühnen, Stilrichtungen und Dimensionen haben sich verändert, doch eine Idee ist geblieben: unterschiedliche Generationen zusammenzubringen, Neugier ernst zu nehmen und eine gewöhnliche Schweizer Ebene für wenige Tage in einen Ort mit eigener Erinnerung zu verwandeln.
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