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FOLK - INDIE - ROCK
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1 Editionen zum Entdecken · Zukunft, live und Vergangenheit
2023Homecoming 2023
Zahlen, Heimatort und Eigenheiten
Bevor es Homecoming gab, gab es MusicNow: 2006 gründete Bryce Dessner, Gitarrist von The National, im Contemporary Arts Center von Cincinnati eine Konzertreihe, die zeitgenössische klassische Musik und Indie-Rock nebeneinanderstellte. Diese Vorgeschichte erklärt, warum Homecoming, das die Band 2018 in ihrer eigentlichen Heimatstadt aus der Taufe hob, nie ein gewöhnliches Rockfestival war. The National formierte sich zwar 1999 in Brooklyn, doch jedes Mitglied — die Brüder Dessner, die Brüder Devendorf und Matt Berninger — wuchs am Ufer des Ohio River auf. Statt eines gewöhnlichen Tourstopps in der Heimatstadt schuf die Band ein Festival, das sie vollständig selbst kontrollierte.
Das Debütwochenende am 28. und 29. April zog rund sechzehntausend Besucher an zwei Open-Air-Bühnen direkt am Fluss. The National spielte an beiden Abenden, wiederholte dabei aber keinen einzigen Song — eine ungewöhnliche Entscheidung für eine Band, die ein Festival trägt, denn wer beide Tage besuchte, erlebte zwei unterschiedliche Konzerte statt einer Wiederholung. Dieses Bekenntnis zum Unwiederholbaren prägte den Ton des gesamten Wochenendes.
Um diese Struktur herum versammelte sich ein Line-up, das die musikalische Bandbreite der Gastgeber widerspiegelte: Father John Misty, Feist, The Breeders, Future Islands, Julien Baker, Alvvays, Big Thief, Lord Huron und Moses Sumney bewegten sich zwischen Indie-Rock, Folk und alternativem Pop, ohne sich auf eine einzige Spur festzulegen. Etablierte Namen und jüngere Acts spielten in denselben Nachmittagszeiten, statt in getrennte Ranghöhen sortiert zu werden, was den Tagesstunden ein Entdeckungsgefühl gab, das man sonst eher von kleinen Clubkonzerten kennt.
Homecoming operiert auf einer anderen Ebene als MusicNow — im Freien, am Flussufer, ausgelegt für Tausende statt für ein intimes Konzertpublikum —, erbt aber denselben Reflex: zugängliche Songs mit gewagterer Kuratierung zu verbinden. Dieser Reflex existierte in der Band lange bevor sie die Anziehungskraft besaß, einen ganzen Park zu füllen, und erklärt, warum das Line-up nie ausschließlich auf Stadion-Rock setzte.
Die Geografie prägt das Erlebnis unmittelbar. Das Gelände liegt inmitten der Cincinnati-Innenstadt, nicht auf einem eigens angelegten Festivalgelände, mit der Roebling-Hängebrücke und der Skyline als ständigem Hintergrund und dem Paul Brown Stadium, Heimstätte der Bengals in der NFL, sichtbar von mehreren Punkten des Parks aus. Der Weg zwischen den beiden Bühnen führt über offene Rasenflächen am Fluss statt über aufgewühlte Feldwege, und das gesamte Areal bleibt kompakt genug, dass ein verpasster Act selten am fehlenden Weg liegt. Wer zwischen den Bühnen wechselt, sieht dabei ständig die vertraute Skyline im Blick, ein Effekt, den ein abgelegenes Festivalgelände nie liefern könnte.
Der Kalender des Festivals verlief nicht geradlinig. Eine zweite, für das folgende Jahr geplante Ausgabe wurde abgesagt, und die Pandemie verhinderte danach jeden weiteren Versuch — Homecoming blieb ruhen, während die Band ihre eigenen Tourneen und Aufnahmen fortsetzte. Diese lange Unterbrechung hätte das Projekt endgültig beenden können. Stattdessen machte sie deutlich, was Homecoming wirklich ist: kein jährlicher Pflichttermin, den die Band ihrer Heimatstadt schuldet, sondern etwas, das The National nur veranstaltet, wenn Zeitpunkt und Idee zusammenpassen.
Die Rückkehr fand im September 2023 auf der ICON Festival Stage statt, wieder im Smale Park, mit einem Line-up rund um Patti Smith, Pavement, Weyes Blood, Snail Mail und einer Reunion von The Walkmen, einer Band, die lange Zeit ohne regelmäßige Aktivität geblieben war. Statt sich auf ein gewöhnliches Best-of zu stützen, spielte The National zwei ihrer meistgelobten Alben, High Violet und Trouble Will Find Me, vollständig durch — eine Geste, die nur bei einem Festival Sinn ergibt, das die Band völlig selbst steuert und das eher als Feier des eigenen Katalogs gedacht ist als als routinemäßiger Headliner-Auftritt.
Das Publikumserlebnis verbindet Festival-Logistik mit Details, die klar auf treue Fans zugeschnitten sind. VIP-Pakete laufen über das Andrew J. Brady Music Center, eine überdachte Halle direkt am Park, die Schutz vor der Aprilhitze oder den kühleren September-Abenden bietet, und Mitglieder von Cherry Tree, dem offiziellen Fanclub von The National, erhalten zusätzlichen Zugang und besondere Vorteile. Lokale Essensstände, eine Fotoausstellung zur Bandgeschichte und Ruhezonen am Flussufer runden ein Gelände ab, das eher auf Komfort als auf Dichte setzt. Cincinnati bleibt dabei nicht im Hintergrund: Statt austauschbarer Festival-Ketten stehen regionale Küchen an den Essensständen, und die Ausstellung stützt sich auf das eigene Archiv der Stadt statt auf ein reisendes Presse-Kit der Band.
Homecoming versucht nicht, mit den größten Rockfestivals des Landes an Größe zu konkurrieren oder mehrere Bühnen gleichzeitig gegeneinander auszuspielen. Seine Identität beruht auf etwas, das sich schwerer kopieren lässt: eine Band, die sich entschied, in der Stadt, die sie geprägt hat, und ganz nach eigenen Regeln ein Festival zu bauen, bei dem Line-up, Gelände und Tempo des Wochenendes dem entsprechen, was The National Cincinnati zeigen will — nicht dem, was der Festivalmarkt von einem Headliner erwartet.
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