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1 Editionen zum Entdecken · Zukunft, live und Vergangenheit
2023Noise Pop Music and Arts Festival 2023
Zahlen, Heimatort und Eigenheiten
Beim Noise Pop Festival übernimmt die Stadt selbst die Aufgabe eines klassischen Festivalgeländes. Es gibt kein riesiges Eingangstor, hinter dem alle Bühnen warten, und keine Wiese, die für einige Tage zu einer temporären Musikstadt wird. Stattdessen ist San Francisco die Karte: Ein Abend kann im Great American Music Hall beginnen, bei Public Works weitergehen und in einem anderen Club auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt enden. Seit 1993 gehört genau diese Bewegung zwischen Veranstaltungsorten zur Identität von Noise Pop. Indie, Rock, Hip-Hop, elektronische Musik, Pop, Folk und experimentelle Klänge verteilen sich über Clubs, Theater und unabhängige Kulturorte, verbunden weniger durch ein Genre als durch eine Haltung.
Der Anfang war erheblich kleiner. Am 29. Januar 1993 buchte Kevin Arnold den Kennel Club an der Divisadero Street für einen Abend mit Overwhelming Colorfast, The Meices, Corduroy, Carlos! und Bitchcraft. Eintritt: fünf Dollar. Der Begriff Noise Pop passte damals gut zu einer Szene, in der laute Gitarren, melodischer Pop und Alternative Rock aufeinandertrafen und Gruppen wie Hüsker Dü oder The Replacements wichtige Bezugspunkte waren. Aus diesem einen Konzert wurde schnell mehr. Bereits 1994 dauerte das Festival drei Tage, und wenige Jahre später waren mehrere Clubs beteiligt. Damit entwickelte sich San Francisco von der bloßen Gastgeberstadt zur eigentlichen räumlichen Struktur der Veranstaltung.
Trotz dieses Wachstums wurde Noise Pop nie zu einem herkömmlichen Großfestival. Während andere Veranstaltungen größere Flächen suchten, um mehr Bühnen aufzubauen, sammelte Noise Pop Veranstaltungsorte. Bottom of the Hill, Great American Music Hall, Café du Nord, The Independent, Bimbo's 365 Club, Rickshaw Stop, Swedish American Hall und Public Works gehören zu den Räumen, die verschiedene Epochen geprägt haben. Der Festivalbesuch bleibt deshalb ausgesprochen urban: Spielplan lesen, Konzert auswählen, ein paar Straßen weiterlaufen, öffentliche Verkehrsmittel benutzen oder für einen Auftritt die Bay überqueren. Ein kleiner Fehler bei der Routenplanung gehört fast genauso dazu wie die Entdeckung einer Band, die ein Jahr später längst nicht mehr in einen so kleinen Club passt.
Gerade diese Entdeckungsfunktion wurde wichtiger als das Genre, das dem Festival seinen Namen gab. The White Stripes, Modest Mouse, Death Cab for Cutie, The Flaming Lips, The Shins, Fleet Foxes, Bright Eyes, Joanna Newsom, Grimes und Courtney Barnett gehörten zu Künstlern, die Noise Pop in frühen oder aufstrebenden Phasen präsentierte. Mit der Zeit bedeutete Noise Pop Festival deshalb nicht mehr, dass jede Band tatsächlich Noise Pop spielte. Der Name stand vielmehr für unabhängig denkende Künstler, die nach Ansicht der Kuratoren Aufmerksamkeit verdienten. Damit konnten Hip-Hop, Elektronik, Jazz, Folk, Pop und experimentelle Musik Teil des Programms werden, ohne dass die Marke ihre Identität verlor.
Auch das kulturelle Umfeld wuchs. In unterschiedlichen Jahren kamen Filmprogramme, Panels, Gespräche, Partys und Veranstaltungen rund um die kreative Szene San Franciscos hinzu. Die Beziehung zur Stadt ist deshalb nicht bloß organisatorischer Natur. Noise Pop Industries arbeitet ganzjährig mit lokalen Veranstaltungsorten, Institutionen, Promotern und Künstlern. Neuere Ausgaben verbanden das Festival außerdem mit Formaten wie SF Music Week, bei denen Fragen zur Musikindustrie und zur Zukunft des lokalen Live-Ökosystems diskutiert werden. Noise Pop wirkt dadurch weniger wie eine Produktion, die einmal im Jahr von außen anreist, und mehr wie eine Woche, in der sich das Nachtleben der Bay Area selbst zum Festival erklärt.
Das Ticketsystem passt zu diesem Modell. Einzelne Shows können wie normale Clubkonzerte besucht werden, während Festival-Badges Zugang zu großen Teilen des gesamten Programms ermöglichen. Dadurch baut sich jeder Besucher praktisch sein eigenes Noise Pop. Zwei Menschen können elf Tage lang Festivalbadges tragen und trotzdem kaum dieselben Acts sehen. Einer konzentriert sich auf Gitarren, Shoegaze und Indie Pop, ein anderer auf elektronische Produzenten und DJs, ein dritter kombiniert Rap, experimentellen Jazz und Singer-Songwriter. Einen verbindlichen Rundgang gibt es nicht, und gerade diese Freiheit gehört zur Attraktivität.
2026 erreichte dieses Prinzip eine besonders große Dimension. Vom 19. Februar bis zum 1. März traten mehr als 160 Künstler in ungefähr zwanzig Veranstaltungsorten in San Francisco und der East Bay auf. Tortoise brachte Post-Rock ins Great American Music Hall, Wisp stand für die neue Shoegaze-Welle, The Pains of Being Pure at Heart kehrten mit Indie Pop zurück und Tobacco spielte seine verzerrte psychedelische Elektronik bei Public Works. Marie Davidson verband Clubkultur und Experiment, cupcakKe und clipping. erweiterten den Hip-Hop-Bereich und Sun Ra Arkestra zeigte, wie weit der Begriff unabhängige Musik reichen kann. Rogue Wave, Beats Antique, Pinback, Christopher Owens, Shannon Shaw und Esther Rose waren nur einige weitere Teile dieses weit verzweigten Programms.
Eine bemerkenswerte Unterbrechung brachte die Pandemie. Die Ausgabe im Februar 2020 konnte noch vollständig stattfinden, kurz bevor weltweit große Teile des Konzertlebens stoppten; 2021 fiel das Festival aus. 2022 kehrte Noise Pop zurück und nahm sein Multi-Venue-Modell wieder auf. Gerade in San Francisco, wo unabhängige Clubs mit hohen Kosten, Schließungen und Immobilienentwicklung kämpfen, besitzt diese Struktur zusätzliche Bedeutung. Jede Ausgabe zeigt indirekt auch, welche Räume die lokale Musikkultur zu diesem Zeitpunkt noch tragen.
Für Februar 2027 ist bereits die nächste Ausgabe bestätigt. Nach mehr als drei Jahrzehnten bleibt Noise Pop damit ein ungewöhnliches Gegenmodell zum klassischen Großfestival. Wachstum bedeutete hier nie, außerhalb der Stadt ein immer größeres Gelände zu bauen. Stattdessen wurde die vorhandene Stadt immer stärker Teil der Veranstaltung. Die Hauptbühne besteht weiterhin aus vielen Bühnen, etablierte Künstler teilen das Programm mit kaum bekannten Namen, und der Festivalbesuch fühlt sich mehr wie eine intensive Erkundung des Nachtlebens San Franciscos an als wie der Rundgang durch einen musikalischen Freizeitpark. Angefangen hat alles mit fünf Bands für fünf Dollar. Fast alles ist seitdem größer geworden – nur die Überzeugung nicht, dass die nächste wichtige Band vielleicht noch immer in einem winzigen Raum spielt.
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