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4 Editionen zum Entdecken · Zukunft, live und Vergangenheit
Zahlen, Heimatort und Eigenheiten
Beim Wasteland Summerfest beginnt die Teilnahme nicht erst vor der Bühne, sondern bereits vor dem Kleiderschrank. Gewöhnliche Kleidung ist ausdrücklich nicht vorgesehen. Leder, Latex, Harnesses, Metall, Body Art, zerrissene Stoffe, Cyberpunk und postapokalyptische Figuren bestimmen das Bild. Weil die Veranstaltung im Juli unter freiem Himmel stattfindet, darf die klassische Wasteland-Ästhetik etwas sommerlicher interpretiert werden, ohne ihren Anspruch aufzugeben. Genau darin liegt eine der Besonderheiten dieses Festivals: Eine Kultur, die historisch eng mit Nachtclubs, geschützten Räumen und Dunkelheit verbunden ist, wird für einen ganzen Nachmittag ins offene Licht von Amsterdam gestellt.
Die Geschichte dahinter reicht bis 1994 zurück. Damals entstand Wasteland in Amsterdam mit dem erklärten Ziel, die Fetischszene aus dem Underground zu holen und einen Raum für Toleranz, unterschiedliche Sexualitäten und selbstbestimmte Ausdrucksformen zu schaffen. Später entwickelte sich daraus ein internationales Umfeld mit einer wichtigen Verbindung nach Berlin. 2017 kam Wasteland Summerfest als eigenständige Outdoor-Version hinzu. Für die Premiere in Thuishaven arbeitete Wasteland mit Communities und Veranstaltungswelten wie Rapido, Ms. Jones und dem Berliner KitKatClub zusammen. Elektronische Musik, Fetischkultur, Mode und Performance wurden damit von Anfang an nicht als getrennte Programme, sondern als Teile derselben Idee behandelt.
Thuishaven passte gut zu dieser ersten Phase. Das industrielle, sandige Gelände war in Amsterdams elektronischer Szene längst bekannt, bekam unter Wasteland jedoch eine völlig andere visuelle Sprache. Funkerman, Benny Rodrigues, Lucien Foort, Saeed, Nacho Chapado und Clark Kent gehörten 2017 zum DJ-Programm; bei der dritten Ausgabe 2019 kamen unter anderem Michel de Hey und Jam El Mar hinzu. Trotzdem lässt sich Summerfest kaum über Namen allein verstehen. Feuerperformances, Zirkus, Tänzer, Kunst und vor allem die aufwendig gekleideten Besucher sorgen dafür, dass Aufmerksamkeit ständig zwischen Bühne und Gelände wandert. Das Publikum sieht nicht nur zu, sondern gestaltet das Bild selbst mit.
Später wechselte Summerfest von Thuishaven nach Kaap Oost am IJ, wo die Veranstaltung spätestens 2023 dokumentiert ist und bis heute stattfindet. Eine erstaunlich passende Gemeinsamkeit blieb erhalten: der sandige Untergrund. Selbst die Veranstalter weisen darauf hin, dass hohe Absätze keine besonders praktische Entscheidung sind. In diesem kleinen Hinweis steckt viel über den Charakter des Festivals. Die Kleidung darf spektakulär sein, muss aber einen langen Sommertag im Freien aushalten. Latex, schwere Stiefel, Metall oder aufwendige Konstruktionen treffen auf Sonne, Sand und Bewegung. Fantasie und körperliche Realität stehen deshalb ständig nebeneinander.
Musikalisch bilden House und Techno die deutlichsten Linien, ergänzt durch Verbindungen zu Trance und anderen europäischen Clubtraditionen. Summerfest wirkt weniger wie ein Festival, das jedes Jahr möglichst große Namen austauscht, sondern eher wie ein wiederkehrendes Netzwerk. Funkerman und Lucien Foort tauchen in verschiedenen Phasen auf, während Clark Kent die Verbindung zum Berliner KitKatClub verkörpert. 2025 brachten De Sluwe Vos und Dam Swindle einen klar niederländischen Clubkontext ins Programm. 2026 standen wiederum Funkerman, G-Double-E, Stefano Richetta, Jam El Mar, Joey Daniel und Philou Louzoulo im Line-up. Diese Wiederholungen erzeugen Kontinuität, ohne dass das Programm völlig statisch wirkt.
Auch die Tageszeit verändert die Atmosphäre grundlegend. Wasteland Summerfest läuft gewöhnlich von 13 bis 23 Uhr und beginnt damit zu einem Zeitpunkt, an dem viele verwandte Clubnächte noch nicht einmal ihre Türen öffnen würden. Am Nachmittag sind Kostüme, Körperkunst und Dekoration vollständig im Tageslicht sichtbar. Erst allmählich übernehmen Bühnenlicht und Dunkelheit das Gelände. Dazwischen liegen Zirkusnummern, Tänzer, Feueracts, Kunstbereiche, dekorierte Fahrzeuge und ein Markt, der sich in die Ästhetik einfügt. Camping gehört nicht zum Konzept; die gesamte soziale und musikalische Intensität wird auf einen einzigen Samstag konzentriert.
Besonders prägend bleibt der strenge Dresscode. Bei den meisten Festivals reicht ein Ticket, um Teil des Publikums zu werden. Hier wird zusätzlich erwartet, dass jeder Besucher sichtbar zur Umgebung beiträgt. Daraus entsteht ein bemerkenswerter Widerspruch: Eine Veranstaltung, die Freiheit und individuelle Selbstentfaltung betont, setzt gleichzeitig klare Regeln darüber, was an der Tür akzeptiert wird. Innerhalb der Wasteland-Idee haben diese Regeln jedoch eine Schutzfunktion. Wer Gender, Fetisch, Körper oder Identität sichtbar anders inszeniert, soll nicht als exotische Ausnahme zwischen normal gekleideten Beobachtern stehen. Das Ungewöhnliche wird zur gemeinsamen Ausgangsposition.
Die Ausgabe vom 4. Juli 2026 in Kaap Oost zeigte, dass Summerfest weiterhin ein aktiver Teil der Wasteland-Welt ist. Für den 3. Juli 2027 ist bereits die nächste Post-Apocalyptic Edition am selben Ort angekündigt. Damit nähert sich die Sommerausgabe ihrem zweiten Jahrzehnt, ohne einfach eine Open-Air-Kopie der älteren Wasteland-Partys zu werden. Ihre wichtigste Veränderung ist gleichzeitig erstaunlich simpel: Sie nimmt einer traditionell nächtlichen Subkultur die Dunkelheit. Zwischen Sand, Wasser und Nachmittagssonne wird sichtbar, wie stark dieses Festival davon lebt, dass die Grenze zwischen Performer und Besucher absichtlich unscharf bleibt.
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