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1 Editionen zum Entdecken · Zukunft, live und Vergangenheit
2023Deep in the Woods 2023
Zahlen, Heimatort und Eigenheiten
Deep in the Woods begann nicht am ersten Lautsprecher, sondern auf dem Weg nach Massembre. Hinter Dinant folgten Busfahrt, Kurven und schließlich ein Feriengelände, das sich über rund 140 Hektar Wald und Hügel erstreckte. Zwischen den Bäumen lagen Gebäude, Unterkünfte, Wege und ein Teich, alles lange bevor dort ein Festival stattfand. Genau dieser vorhandene Rhythmus bestimmte die Veranstaltung. Statt eine komplett neue Festivalstadt auf eine leere Fläche zu setzen, brachte Deep in the Woods nur einige hundert Menschen in eine bereits funktionierende Landschaft. Für drei Tage wurden Musik, Übernachtung, Essen und Spaziergänge so eng miteinander verbunden, dass das eigentliche Gelände kaum klar begrenzt werden musste.
Die Idee entstand um 2010 bei belgischen Musikleuten, die bewusst etwas anderes als die üblichen Großfestivals schaffen wollten. Die erste öffentlich dokumentierte Ausgabe fand vom 2. bis 4. September 2011 in Heer-sur-Meuse nahe der französischen Grenze statt. Intergalactic Lovers, The Bony King of Nowhere, Clare Louise und weitere Acts gehörten zum Programm, doch Musik war von Anfang an nicht der einzige Inhalt. Fotografie, Film, visuelle Kunst und Aktivitäten für unterschiedliche Altersgruppen waren Teil des Wochenendes. Massembre stellte dafür nicht nur Platz zur Verfügung, sondern eine komplette Ferienstruktur mit Unterkünften und Gemeinschaftsräumen. Das Festival musste seine Umgebung deshalb nicht künstlich bauen; es konnte sie umnutzen.
Aus dieser Ausgangslage entstand eine bewusst kleine Identität. Während viele europäische Festivals ihren Erfolg mit steigender Kapazität demonstrierten, blieb Deep in the Woods eng mit ungefähr 700 Gästen verbunden. Marc Steens, der später die Leitung übernahm, beschrieb die Programmidee klar: künstlerische Qualität sollte wichtiger sein als Bekanntheit. Marissa Nadler, Chad VanGaalen und Pink Mountaintops konnten deshalb neben Madensuyu stehen, später Chris Cohen, Benny Sings oder L’Impératrice neben weniger etablierten belgischen Projekten. Sogar ein unangekündigter Überraschungsact gehörte zum Konzept. Das Publikum kaufte nicht nur bestimmte Namen, sondern ein Wochenende, dessen Auswahl es teilweise erst vor Ort kennenlernen würde.
Massembre machte diesen Vertrauensvorschuss leichter. Konzerte fanden in Waldlichtungen oder in der Nähe des Wassers statt, dazwischen gab es Outdoor-Kino, Yoga, Kunstinstallationen und Kinderprogramme. Manche Besucher übernachteten in Zimmern oder bungalowartigen Unterkünften, andere auf dem Campingplatz. Gemeinsame Essensbereiche erinnerten eher an ein Ferienlager als an ein professionell gestaltetes Festival-Food-Court. Dadurch traf man dieselben Menschen immer wieder: morgens beim Frühstück, später auf einem Waldweg und abends vor einer Bühne. Intimität bedeutete hier nicht nur, dass der Künstler wenige Meter entfernt stand. Sie entstand daraus, dass ein relativ kleines Publikum mehrere Tage in derselben Infrastruktur lebte.
Auch gesellschaftlich war die Veranstaltung ungewöhnlich belgisch. Heer-sur-Meuse liegt im französischsprachigen Wallonien, doch 2019 schätzte das Team den Anteil niederländischsprachiger Besucher auf ungefähr zwei Drittel. Massembre war vielen flämischen Familien schon lange als Ferienzentrum vertraut. Auch die Organisation selbst setzte sich aus Menschen beider Sprachregionen zusammen, und sämtliche Beteiligten arbeiteten ehrenamtlich, sogar die Programmplaner. Nachhaltigkeitsmaßnahmen bekamen dadurch einen weniger werblichen Charakter. Mehrwegbecher, möglichst wenig Verpackung, lokale Lebensmittel und Fahrgemeinschaften waren praktische Entscheidungen für ein Festival, das seine geringe Größe und seine Abhängigkeit vom Wald nicht verstecken wollte.
Musikalisch ließ sich Deep in the Woods immer weniger auf eine Szene reduzieren. Laura Gibson brachte stilles Songwriting, Amenra eine wesentlich härtere Intensität, Balthazar und Benny Sings verschiedene Formen anspruchsvoller Popmusik. Charlotte Adigéry verschob das Spektrum in Richtung elektronischer Performance, Glass Museum näher an Jazz, während Borokov Borokov oder DjeuhDjoah & Lieutenant Nicholson die Kategorien weiter auflösten. Das Gemeinsame lag weniger im Genre als in der Neugier. Die Buchungen sollten ein Publikum belohnen, das nicht nur bekannte Namen suchte. Lichtkunst, Filme und Installationen im Wald folgten derselben Logik und machten auch den Weg zwischen zwei Konzerten zu einem Bestandteil des Programms.
Nach 2019 unterbrach die Pandemie das Festival für zwei Jahre. Vom 9. bis 11. September 2022 kehrte Deep in the Woods mit Lefto, Meskerem Mees, Lander & Adriaan, Aili, MADMADMAD, Yves Jarvis, ESINAM, Johnnie Carwash und weiteren Acts nach Massembre zurück. Die musikalischen Bezugspunkte hatten sich verändert, doch Elektronik, experimenteller Rock, Songwriting und Groove blieben nebeneinander bestehen. Für den 8. bis 10. September 2023 wurden bereits Tickets, Camping und Zimmer verkauft, außerdem erschienen detaillierte praktische Hinweise. Diese Ausgabe wurde schließlich abgesagt. Damit endete der Neustart zunächst nach nur einem tatsächlich durchgeführten Post-Pandemie-Wochenende.
Für 2024, 2025 und 2026 lässt sich keine weitere tatsächlich veranstaltete Ausgabe bestätigen, ebenso wenig ein neuer Termin. Einige touristische Seiten behielten allgemeine Hinweise auf mögliche spätere Veranstaltungen, doch daraus entstand kein dokumentiertes Festival. Der Status bleibt deshalb offen. Sollte 2022 tatsächlich das letzte Deep in the Woods gewesen sein, lässt sich sein Wert nicht an der Größe messen, die es irgendwann hätte erreichen können. Die rund 700 Menschen, Ferienhäuser, Kinder, Waldwege und freiwilligen Organisatoren waren keine provisorische Version eines späteren Großevents. Sie waren bereits die fertige Form. Gerade weil Massembre nie vollständig vom Festival verschluckt wurde, konnte der Ort selbst zu dessen stärkstem Merkmal werden.
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